Dentosophie

Dentosophie
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Dr. Charlie Neumann

Dentosophie: Mehr als Zahnstellung

Dentosophie für Zahnärzt:innen bedeutet weit mehr als Atmung, Schlucken, Kauen oder die Korrektur einer Zahnstellung. Der französische Zahnarzt Michel Montaud entwickelte gemeinsam mit anderen Zahnärzten aus seinen klinischen Beobachtungen einen Ansatz, der den Mund als Teil des gesamten Menschen versteht – körperlich, funktionell und in seiner späteren Ausprägung auch seelisch-geistig. Montaud selbst bezeichnete diese Weiterentwicklung schließlich als Humano-Dentosophie.

Genau hier wird Dentosophie interessant – und gleichzeitig anspruchsvoll.

Denn sie bewegt sich zwischen funktioneller Zahnmedizin, klinischer Erfahrung und einem Menschenbild, das weit über die konventionelle Zahnmedizin hinausgeht.

Dentosophie nach Michel Montaud: Woher kommt sie?

Die Entwicklung der Dentosophie entstand nicht aus dem Nichts.

Wichtige funktionelle Vorarbeiten kamen unter anderem von René Soulet und André Besombes, die bereits 1953 einen funktionellen Aktivator zur Behandlung oraler Dysmorphosen vorstellten, sowie von Pedro Planas und seiner funktionellen Betrachtung des Kauorgans.

Für Montaud wurde insbesondere die Begegnung mit einem plurifunktionellen Aktivator zum Ausgangspunkt seiner weiteren Arbeit. Er begann, die Veränderungen seiner Patient:innen über Jahre zu beobachten und entwickelte daraus zunehmend eine eigene Vorstellung davon, welche Bedeutung der Mund für den gesamten Menschen haben könnte.

Damit verschob sich die zentrale Frage.

Nicht mehr nur:

Wie bekommen wir die Zähne an den richtigen Platz?

Sondern:

Was können uns Mund, Zähne und Kiefer über den Menschen erzählen?

Warum Dentosophie mehr als Myofunktion ist

Natürlich spielen auch in der Dentosophie die bekannten oralen Funktionen eine Rolle.

Atmen. Schlucken. Kauen. Sprechen. Zungenfunktion.

Aber sie bilden nur eine Ebene des ursprünglichen Konzeptes.

Montaud entwickelte daraus zunehmend eine humanistische Betrachtung des Menschen. Er wollte nicht lediglich eine Dysfunktion korrigieren, sondern den Menschen in seiner Gesamtheit verstehen. Auf seiner heutigen Darstellung der Humano-Dentosophie werden Körper, Seele und Geist ausdrücklich als Bestandteile dieses Menschenbildes beschrieben.

Damit unterscheidet sich Dentosophie deutlich von einer rein myofunktionellen Therapie.

Dentosophie und Anthroposophie

Ein Aspekt wird in vereinfachten Darstellungen der Dentosophie häufig kaum erwähnt: Rudolf Steiners Anthroposophie hatte erheblichen Einfluss auf Montauds Denken.

Montaud beschreibt selbst, dass ihn Steiners Vorstellung einer Dreigliederung von Körper, Seele und Geist sowie die Beziehung zwischen Denken, Fühlen und Wollen inspiriert habe. Er entwickelte daraus eigene Analogien zwischen psychischen beziehungsweise menschlichen Entwicklungsprozessen und Beobachtungen an Kiefer, Okklusion und Mund.

Das ist ein wichtiger Bestandteil der Ideengeschichte der Dentosophie.

Genauso wichtig ist aber die fachliche Einordnung:

Diese anthroposophischen beziehungsweise spirituell-anthropologischen Interpretationen sind kein wissenschaftlich etablierter Bestandteil der Zahnmedizin.

Sie öffnen den Raum sich mit dem Menschenbild hinter der Dentosophie beschäftigen, ohne jede daraus entwickelte Interpretation als biologischen oder medizinischen Kausalzusammenhang zu übernehmen.

Was „Weisheit der Zähne“ eigentlich meint

Der Begriff selbst setzt sich aus dens – Zahn – und sophia – Weisheit – zusammen.

Die „Weisheit“ bezieht sich im dentosophischen Verständnis deshalb nicht einfach darauf, dass Zähne durch Muskelkräfte bewegt werden.

Der Mund wird vielmehr als Ausdrucks- und Beobachtungsraum des Menschen verstanden.

Montaud ging in seiner späteren Humano-Dentosophie sogar so weit, Mund- und Zahnbefunde mit individuellen Entwicklungsprozessen in Beziehung zu setzen. Auf seiner offiziellen Seite wird Humano-Dentosophie ausdrücklich als Erweiterung der ursprünglichen Dentosophie beschrieben.

Das erklärt auch, warum es zu kurz greift, Dentosophie einfach mit einer Trainingsschiene gleichzusetzen.

Dentosophie ist nicht der Aktivator.

Auch Montauds heutige Schule grenzt sich ausdrücklich gegen diese Reduktion ab.

Der plurifunktionelle Aktivator in der Dentosophie

Trotzdem ist der Aktivator ein wichtiges Werkzeug der klassischen Dentosophie.

Dabei handelt es sich um ein elastisches Trainingsgerät, dessen historische Grundlage auf die funktionellen Arbeiten von Soulet und Besombes zurückgeht.

Im dentosophischen Konzept soll der Patient damit nicht einfach passiv „behandelt“ werden.

Die ursprüngliche Idee ist vielmehr eine aktive beziehungsweise geführte Selbsttherapie, bei der orale Funktionen stimuliert und neu organisiert werden sollen. Montaud beschreibt die Anwendung als individuell begleitet und betont, dass das Gerät nur ein Teil des gesamten Konzeptes ist.

Für die heutige Zahnarztpraxis würde ich daraus vor allem einen Gedanken mitnehmen:

Nicht die Apparatur sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Frage, welche Funktion wir damit verändern wollen – und warum.

Praxis-Goodie: Die dentosophische 3-Ebenen-Beobachtung

Statt erneut Atmung, Zunge und Schlucken abzuhaken, kannst Du einen Patienten einmal auf drei Ebenen betrachten:

1 | STRUKTUR

Was sehe ich?

Zahnstellung, Zahnbögen, Okklusion, Gaumen, Kieferrelation, Symmetrie.

2 | FUNKTION

Was tut der Patient?

Wie atmet, schluckt, kaut und spricht er? Wie benutzt er Zunge, Lippen und Unterkiefer?

3 | MENSCH

Was erzählt mir der Patient?

Welche Beschwerden nimmt er selbst wahr? Welche Gewohnheiten hat er? Was empfindet er als belastend? Was möchte er/sie verändern?

Diese dritte Ebene finde ich besonders wichtig.

Denn damit wird aus funktioneller Zahnmedizin nicht automatisch „mehr Diagnostik“.

Sie wird patientenzentrierter.

Wie lässt sich Dentosophie heute in die Zahnarztpraxis integrieren?

Für mich liegt genau hier die Möglichkeit, Dentosophie zeitgemäß weiterzudenken.

Wir müssen nicht zwischen konventioneller Zahnmedizin und Dentosophie wählen.

Wir können klassische zahnmedizinische Diagnostik mit funktioneller Untersuchung, Myofunktion, Airway Dentistry, manuellen Ansätzen und dentosophischen Beobachtungsprinzipien verbinden – und gleichzeitig unterscheiden, was wissenschaftlich etabliert, was klinische Erfahrung und was philosophisches beziehungsweise anthroposophisches Denkmodell ist.

Das macht den Ansatz nicht schwächer.

Es macht ihn fachlich ehrlicher.

Und es ermöglicht uns, einen der wertvollsten Gedanken der Dentosophie mitzunehmen:

Den Menschen nicht auf seinen Zahnbefund zu reduzieren.

Dentosophie in meiner Ausbildung

Genau deshalb ist Dentosophie ein Bestandteil meiner Ausbildung Integrative Myofunktion, Airway Dentistry & Dentosophie, aber nicht das einzige Konzept.

Wir betrachten ihre Ursprünge und funktionellen Prinzipien, arbeiten mit Trainingsschienen und verbinden diese mit myofunktioneller Diagnostik und Therapie, Atmung & Airway Dentistry, Posterologie, vegetatives Nervensystem sowie weiteren integrativen Zusammenhängen.

Dabei geht es mir nicht darum, eine Lehre ungeprüft zu übernehmen.

Es geht darum, zu verstehen, woher sie kommt, was wir aus ihr lernen können und wie wir sinnvolle Elemente verantwortungsvoll in eine moderne zahnärztliche Praxis übersetzen können.

Vielleicht ist das sogar sehr dentosophisch gedacht:

Nicht nur Wissen übernehmen.

Sondern beobachten, hinterfragen und verstehen.

Du möchtest Dentosophie praktisch und integrativ kennenlernen, aber eben nicht NUR das?

Dann vertiefen wir genau diese Zusammenhänge in meiner Ausbildung Integrative Myofunktion, Airway Dentistry & Dentosophie.

Alles Liebe,

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