CMD, Stress & Nervensystem

CMD und Nervensystem
Bild von Dr. Charlie Neumann
Dr. Charlie Neumann

CMD, Stress & Nervensystem: mehr als Mechanik

CMD, Stress und Nervensystem gehören in der Zahnarztpraxis häufiger zusammen, als es ein rein mechanischer Blick auf Okklusion und Kiefergelenk vermuten lässt. Besonders bei wiederkehrenden Kiefer- und Gesichtsschmerzen, erhöhtem Muskeltonus oder Bruxismus stellt sich deshalb die Frage: Behandeln wir gerade wirklich die Ursache – oder nur den Ort, an dem sich das Problem zeigt?

Natürlich müssen wir Zähne, Okklusion, Kiefergelenke und Muskulatur untersuchen.

Aber manchmal ist mechanisch längst alles behandelt – und der Patient hat trotzdem Beschwerden.

Genau dann lohnt sich ein zweiter Blick.

CMD ist nicht automatisch ein „Bissproblem“

Der Begriff Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) umfasst unterschiedliche Beschwerden und Funktionsstörungen im Bereich von Kiefergelenken, Kaumuskulatur und angrenzenden Strukturen.

Schmerzen beim Kauen, eingeschränkte Mundöffnung, Muskelverspannungen, Gelenkgeräusche oder ausstrahlende Beschwerden können dazugehören.

Historisch wurde bei solchen Patient:innen häufig sehr stark nach der mechanischen Ursache gesucht:

Wo stimmt die Okklusion nicht?

Wo gibt es einen Vorkontakt?

Wie steht der Unterkiefer?

Welche Schiene brauchen wir?

Heute wissen wir, dass insbesondere persistierende und chronische orofaziale Schmerzen wesentlich komplexer sein können. Biologische, psychologische und soziale Faktoren können sich gegenseitig beeinflussen.

Das heißt nicht, dass der Biss plötzlich unwichtig ist.

Es heißt nur:

Er ist nicht automatisch die ganze Geschichte.

Was Stress mit dem Kiefer macht

Stress ist zunächst eine völlig normale physiologische Reaktion.

Unser Organismus verändert Aufmerksamkeit, Muskelaktivität, Kreislauf und zahlreiche weitere Regulationsprozesse, um auf Anforderungen reagieren zu können.

Problematisch kann es werden, wenn hohe Belastung nicht mehr nur punktuell auftritt, sondern zum Dauerzustand wird.

In der Zahnarztpraxis sehen wir möglicherweise einen Patienten, der permanent die Zähne zusammenhält, die Schultern hochzieht oder mit deutlich erhöhtem Tonus in der Kaumuskulatur erscheint.

Die interessante Frage lautet dann nicht nur:

Welcher Muskel ist verspannt?

Sondern auch:

Warum hält dieses System so viel Spannung?

CMD und Nervensystem: Schmerz entsteht nicht nur im Gewebe

Gerade bei länger bestehenden Schmerzen wird das Nervensystem besonders relevant.

Schmerz ist kein einfacher Messwert für Gewebeschaden. Er entsteht aus der Verarbeitung zahlreicher Informationen durch das Nervensystem.

Das erklärt auch eine Beobachtung, die viele Behandler:innen kennen:

Zwei Patient:innen können einen sehr ähnlichen klinischen Befund haben – und ihn vollkommen unterschiedlich erleben.

Bei anhaltenden Schmerzen können sich zudem Mechanismen der Schmerzverarbeitung verändern. Reize können intensiver wahrgenommen werden und Beschwerden fortbestehen, obwohl sich der ursprünglich auslösende Gewebereiz längst verändert hat.

Für uns Zahnärzt:innen ist das enorm wichtig.

Denn bei solchen Patient:innen kann die Suche nach der einen mechanischen Störung, die wir nur noch finden und korrigieren müssen, zu immer neuen Interventionen führen – ohne das eigentliche Problem zu lösen.

Bruxismus ist nicht gleich CMD

Auch beim Thema Bruxismus und Stress lohnt sich Differenzierung.

Zähnepressen oder -knirschen bedeutet nicht automatisch CMD. Und Bruxismus ist nicht ausschließlich eine Folge von Stress.

Besonders Schlaf- und Wachbruxismus müssen unterschieden werden, da unterschiedliche Mechanismen beteiligt sein können.

Bei manchen Patient:innen spielt psychosoziale Belastung insbesondere beim Wachbruxismus eine relevante Rolle. Andere Faktoren können ebenfalls beteiligt sein.

Deshalb frage ich bei entsprechenden Befunden nicht nur:

„Knirschen Sie nachts?“

Sondern beispielsweise auch:

„Was machen Ihre Zähne eigentlich gerade tagsüber, wenn Sie konzentriert arbeiten?“

Manche Patient:innen bemerken erst in diesem Moment, wie häufig ihre Zähne überhaupt Kontakt haben.

Wenn der Patient nie wirklich „loslässt“

Genau hier wird Stressregulation für die Zahnmedizin interessant.

Nicht im Sinne von: „Der Patient muss sich einfach entspannen.“

Das wäre viel zu banal.

Es geht vielmehr darum, Regulationszustände wahrzunehmen.

Ein Patient kann muskulär behandelt werden und wenige Stunden später wieder in sein gewohntes Spannungsmuster zurückkehren.

Wir können eine perfekte Schiene herstellen – und trotzdem bleibt das System hoch aktiviert.

Wir können den Masseter behandeln – aber wenn der Patient zwölf Stunden täglich unbewusst presst, behandeln wir möglicherweise immer wieder das Ergebnis.

Für mich verändert sich deshalb bei manchen CMD-Patient:innen die zentrale Frage von:

„Wo ist die Spannung?“

zu:

„Was hält diese Spannung aufrecht?“

Praxis-Goodie: Der 3-Ebenen-CMD-Check

Bei wiederkehrenden oder schwer einzuordnenden CMD-Beschwerden kannst Du den Patienten auf drei Ebenen betrachten:

1 | STRUKTUR
Was zeigt die klassische Untersuchung? Kiefergelenk, Beweglichkeit, Muskulatur, Okklusion, dentale Befunde, Schmerzlokalisation.

2 | FUNKTION
Was macht der Patient tatsächlich? Pressen, Knirschen, häufige Zahnkontakte, einseitige Belastungen oder andere auffällige Funktionsmuster.

3 | REGULATION
Wann werden die Beschwerden stärker? Gibt es Phasen hoher beruflicher oder privater Belastung? Wie verändert sich der Muskeltonus im Tagesverlauf? Kann der Patient Spannung überhaupt wahrnehmen und bewusst reduzieren?

Der entscheidende Punkt ist:

Welche Ebene hält das Problem möglicherweise aufrecht?

Dieser Check ersetzt keine CMD-Diagnostik. Er hilft aber dabei, nicht automatisch jede Beschwerde auf dieselbe Ebene zurückzuführen.

CMD behandeln – und den Menschen mitdenken

Die Zahnmedizin ist hervorragend darin geworden, Strukturen zu analysieren.

Bei CMD brauchen wir diese Kompetenz unbedingt.

Aber manchmal müssen wir zusätzlich verstehen, in welchem System diese Strukturen arbeiten.

Wie hoch ist der Muskeltonus?

Welche Gewohnheiten bestehen?

Wie verarbeitet das Nervensystem Reize?

Wie hoch ist die aktuelle Belastung?

Wie gut kann ein Patient zwischen Aktivierung und Entspannung wechseln?

Damit wird aus CMD keine „Stressdiagnose“.

Es entsteht vielmehr ein differenzierterer Blick auf einen Patienten, dessen Beschwerden möglicherweise mechanische, muskuläre und regulatorische Komponenten gleichzeitig besitzen.

Und genau das kann verhindern, dass wir versuchen, jedes komplexe Problem ausschließlich am Kiefer zu lösen.

Stressregulation in der Zahnarztpraxis

Dieser Blick ist auch ein wesentlicher Grund, warum ich mich intensiv mit Stressregulation in der Zahnmedizinbeschäftige.

Denn Regulation betrifft nicht nur unsere Patient:innen.

Auch wir Behandler:innen arbeiten täglich unter hoher Konzentration, Zeitdruck und körperlicher Anspannung.

In meinem Kurs Stressregulation für Zahnärzte geht es deshalb darum, Stressphysiologie und Nervensystem besser zu verstehen und konkrete Regulationsmöglichkeiten in den zahnärztlichen Alltag zu übertragen.

Denn Präzision beginnt nicht nur in unseren Händen.

Sie beginnt auch im Nervensystem.

Warenkorb

0
image/svg+xml

Keine Produkte im Warenkorb