Airway Dentistry: Atmung im Blick
Airway Dentistry in der Zahnmedizin richtet den Blick auf einen Bereich, der im klassischen zahnärztlichen Alltag leicht übersehen wird: Atmung und Atemwege. Mundatmung, Schnarchen, eine auffällige Zungenruhelage, schmale Kiefer oder Hinweise auf gestörten Schlaf können für Zahnärzt:innen Anlass sein, genauer hinzusehen.
Denn wir sehen unsere Patient:innen regelmäßig.
Wir sehen Mundraum, Zunge, Gaumen, Kiefer und Okklusion. Bei Kindern begleiten wir teilweise über Jahre die Zahn- und Kieferentwicklung.
Warum sollten wir also nicht auch darauf achten, wie dieser Mensch atmet?
Genau hier beginnt Airway Dentistry.
Was bedeutet Airway Dentistry in der Zahnmedizin?
Airway Dentistry bedeutet nicht, dass Zahnärzt:innen Erkrankungen der oberen Atemwege diagnostizieren oder behandeln sollen.
Vielmehr geht es darum, Befunde im Mund-, Kiefer- und Gesichtsbereich auch unter dem Aspekt von Atmung und Atemwegsfunktion wahrzunehmen.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Unsere Aufgabe kann darin bestehen, Hinweise zu erkennen, gezielt nachzufragen und bei Auffälligkeiten die entsprechende interdisziplinäre Diagnostik anzustoßen.
Dabei treffen verschiedene Bereiche aufeinander:
Zahnmedizin, Kieferorthopädie, Myofunktion, Schlafmedizin, HNO und funktionelle Diagnostik.
Auch zur Dentosophie besteht eine interessante Schnittstelle: Atmung, Zungenruhelage, Schlucken und Kauen werden nicht isoliert betrachtet, sondern als Funktionen, die innerhalb derselben anatomischen Strukturen stattfinden.
Airway Dentistry: Was können Zahnärzt:innen erkennen?
Viele Hinweise zeigen sich bereits während einer normalen Untersuchung.
Ein Patient sitzt mit geöffnetem Mund auf dem Behandlungsstuhl.
Ein Kind kann die Lippen in Ruhe kaum entspannt schließen.
Der Gaumen erscheint hoch und der Oberkiefer schmal.
Die Zunge liegt tief.
Eltern berichten, dass ihr Kind nachts schnarcht.
Ein erwachsener Patient erzählt von nicht erholsamem Schlaf oder bereits diagnostizierter Schlafapnoe.
Keiner dieser Befunde beweist allein eine Atemwegsstörung.
Aber er kann eine Frage auslösen.
Und genau diese Frage kann entscheidend sein.
Mundatmung, Zunge und Airway Dentistry
Atmung und Zungenfunktion lassen sich funktionell kaum vollständig voneinander trennen.
Wenn ein Mensch überwiegend durch den Mund atmet, müssen Lippen, Unterkiefer und Zunge eine Position ermöglichen, in der Luft durch die Mundhöhle strömen kann.
Gerade bei Kindern lohnt es sich deshalb, Mundatmung, Zungenruhelage und Kieferentwicklung gemeinsam zu beobachten.
Dabei ist wichtig, Ursache und Wirkung nicht vorschnell festzulegen.
Eine tiefe Zungenposition beweist keine Atemwegsobstruktion.
Ein schmaler Oberkiefer beweist keine Mundatmung.
Und Mundatmung allein erklärt nicht jede dentofaziale Entwicklung.
Airway Dentistry bedeutet für mich deshalb nicht, möglichst schnell eine Erklärung zu finden.
Sondern früher aufmerksam zu werden.
Airway Dentistry bei Kindern
Kinder sind für die Zahnmedizin besonders interessant, weil wir Entwicklung beobachten.
Ein Kind mit regelmäßig geöffnetem Mund, eingeschränkter Nasenatmung oder Schnarchen sollte nicht einfach lernen, „den Mund zuzumachen“.
Die entscheidende Frage lautet:
Warum ist der Mund offen?
Besteht lediglich eine Gewohnheit? Ist die Nasenatmung eingeschränkt? Spielen Tonsillen oder Adenoide eine Rolle? Gibt es anatomische Besonderheiten? Bestehen funktionelle Auffälligkeiten?
Je nach Befund kann hier insbesondere eine HNO-ärztliche, kinderärztliche, kieferorthopädische oder schlafmedizinische Abklärung sinnvoll sein.
Erst wenn die Voraussetzungen für eine physiologische Nasenatmung gegeben sind, lässt sich sinnvoll über myofunktionelle Veränderungen sprechen.
Airway Dentistry bei Erwachsenen
Auch bei Erwachsenen kann die Zahnarztpraxis eine wichtige Screeningfunktion übernehmen.
Besonders aufmerksam sollten wir werden, wenn Patient:innen über regelmäßiges Schnarchen, Atemaussetzer, ausgeprägte Tagesmüdigkeit oder bereits bekannte schlafbezogene Atmungsstörungen berichten.
Hinzu kommen möglicherweise intraorale oder kraniofaziale Befunde, die im Gesamtbild relevant sein können.
Die Diagnose einer obstruktiven Schlafapnoe gehört jedoch nicht in die Zahnarztpraxis. Sie erfordert eine entsprechende medizinische beziehungsweise schlafmedizinische Diagnostik.
Die Zahnmedizin kann trotzdem einen entscheidenden Beitrag leisten:
Hinsehen. Fragen. Weiterleiten.
Praxis-Goodie: Der Airway-Red-Flag-Check
Diesen kurzen Check kannst Du in Deine Anamnese oder Untersuchung integrieren.
1 | MUNDATMUNG
Ist der Mund in Ruhe häufig geöffnet? Berichtet der Patient über eingeschränkte Nasenatmung?
2 | SCHNARCHEN
Schnarcht der Patient regelmäßig – beziehungsweise berichten Eltern davon?
3 | SCHLAF
Ist der Schlaf unruhig oder nicht erholsam? Bestehen auffällige Tagesmüdigkeit oder Konzentrationsprobleme?
4 | ZUNGE & MUNDRAUM
Wie ist die Zungenruhelage? Fallen Gaumenform, Zahnbogen oder orofaziale Funktion auf?
5 | ATEMAUSSETZER
Wurden nachts Atempausen beobachtet oder besteht bereits der Verdacht auf eine schlafbezogene Atmungsstörung?
Je mehr dieser Hinweise zusammentreffen, desto wichtiger wird die weiterführende Abklärung.
Der Airway-Red-Flag-Check ist ausdrücklich kein diagnostischer Test auf Schlafapnoe. Er soll Zahnärzt:innen helfen, aufmerksam zu werden und Patient:innen bei relevanten Hinweisen einer geeigneten Diagnostik zuzuführen.
Airway Dentistry braucht interdisziplinäre Zusammenarbeit
Gerade bei Atemwegen zeigt sich, warum integrative Zahnmedizin nicht bedeuten kann, alles selbst behandeln zu wollen.
Je nach Befund können HNO, Schlafmedizin, Kinderheilkunde, Kieferorthopädie, Logopädie beziehungsweise myofunktionelle Therapie und Zahnmedizin unterschiedliche Teile des Gesamtbildes beurteilen.
Für mich ist genau das moderne Airway Dentistry:
Nicht Kompetenzgrenzen verwischen, sondern Schnittstellen verstehen.
Wenn wir wissen, welche Befunde für andere Disziplinen relevant sein könnten, können wir gezielter kommunizieren und früher weiterleiten.
Airway Dentistry, Myofunktion und Dentosophie verbinden
Atmung findet nicht getrennt vom orofazialen System statt.
Die Zunge, Lippen, Wangen, Kiefer und Atemwege teilen sich einen funktionellen Raum. Deshalb ergeben sich natürliche Schnittstellen zwischen Airway Dentistry, Myofunktion und Dentosophie.
Für die Zahnmedizin eröffnet das eine zusätzliche Perspektive:
Nicht nur fragen:
Wie stehen die Zähne?
Sondern auch:
Wie atmet, schluckt und funktioniert der Mensch, zu dem diese Zähne gehören?
Dabei geht es nicht darum, aus jeder Zahnärztin oder jedem Zahnarzt eine:n Schlafmediziner:in zu machen.
Es geht darum, relevante Hinweise nicht zu übersehen.
Denn manchmal beginnt gute interdisziplinäre Behandlung nicht mit einer Therapie.
Sondern damit, dass jemand die richtige Frage stellt.
Lernen, Airway Dentistry in die Zahnarztpraxis zu integrieren
Du möchtest Airway Dentistry, Myofunktion und Dentosophie sicherer verstehen und funktionelle Befunde strukturiert in Deinen zahnärztlichen Praxisalltag integrieren?
In meiner Ausbildung Integrative Myofunktion, Airway Dentistry & Dentosophie verbinden wir diese Bereiche mit konkreter Diagnostik und praktischer Anwendung. Von Kollegin für Kollegen. Aus der Praxis für die Praxis.
Alles Liebe,


