Mundatmung bei Kindern

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Dr. Charlie Neumann

Mundatmung bei Kindern erkennen

Mundatmung bei Kindern fällt in der Zahnarztpraxis oft auf, bevor Eltern sie überhaupt als Problem wahrnehmen. Ein häufig geöffneter Mund, fehlender Lippenschluss, eine tiefe Zungenruhelage, ein schmaler Oberkiefer oder auffällige Schluckmuster können Hinweise darauf sein, dass die Nasenatmung des Kindes genauer betrachtet werden sollte.

Und genau deshalb lohnt sich der Blick über die Zähne hinaus.

Denn gerade während des Wachstums stellt sich eine wichtige Frage: Unter welchen funktionellen Bedingungen entwickeln sich Zähne, Kiefer und Gesicht eigentlich?

Mundatmung ist dabei keine zahnärztliche Diagnose für sich. Sie kann unterschiedliche Ursachen haben und sollte nicht allein anhand eines einzelnen Merkmals festgestellt werden. Für uns Zahnärzt:innen können die sichtbaren Zeichen jedoch wichtige Hinweise sein, genauer hinzusehen und gegebenenfalls eine weiterführende Abklärung anzustoßen.

Aktuelle Übersichtsarbeiten zeigen Assoziationen zwischen Mundatmung im Kindesalter und bestimmten kraniofazialen sowie dentoalveolären Veränderungen. Die Studienlage erlaubt allerdings nicht bei allen Befunden den Schluss, dass Mundatmung allein deren Ursache ist.

Mundatmung bei Kindern: Warum die Zahnarztpraxis wichtig ist

Kinder kommen regelmäßig zur Kontrolle.

Wir sehen ihre Zähne. Wir beobachten ihre Kieferentwicklung. Wir sehen die Schleimhäute, die Zunge und den Gaumen. Und wir erleben das Kind einige Minuten lang in Ruhe auf dem Behandlungsstuhl.

Damit haben Zahnärzt:innen eine hervorragende Gelegenheit, Auffälligkeiten zu erkennen.

Manchmal sogar ganz ohne zusätzliche Untersuchung.

Wie sitzt das Kind im Wartezimmer? Sind die Lippen geschlossen? Atmet es hörbar? Ist der Mund während des Zuhörens geöffnet? Muss es nach einigen Atemzügen durch die Nase wieder den Mund öffnen?

Solche Beobachtungen ersetzen keine HNO- oder schlafmedizinische Diagnostik.

Aber sie können der erste Hinweis auf eine auffällige Atemfunktion sein.

Mundatmung oder Nasenatmung: Was verändert sich funktionell?

Physiologisch erfolgt die Ruheatmung überwiegend über die Nase.

Wenn ein Kind regelmäßig durch den Mund atmet, verändert sich zwangsläufig etwas im Zusammenspiel von Lippen, Unterkiefer und Zunge. Schließlich muss für die orale Atmung ein Luftweg durch den Mundraum offen sein.

Und damit kommen wir zu einem Bereich, der für Zahnärzt:innen besonders interessant ist:

Mundatmung und Zungenruhelage

Für einen entspannten Mundschluss und eine physiologische orale Ruheposition müssen Atmung und orofaziale Funktion zusammenspielen.

Bei Kindern mit überwiegender Mundatmung beobachten wir häufig eine tiefere beziehungsweise veränderte Zungenposition.

Dabei sollten wir Ursache und Folge nicht vorschnell festlegen.

Ist die Zunge tief, weil das Kind durch den Mund atmet? Begünstigen anatomische Verhältnisse beides? Liegt eine eingeschränkte Nasenatmung vor? Oder bestehen mehrere Faktoren gleichzeitig?

Genau deshalb ist funktionelle Diagnostik mehr als das Abhaken einzelner Symptome.

Wir suchen nicht nach einem Befund, der alles erklärt.

Wir suchen nach einem Muster.

Mundatmung und Kieferentwicklung bei Kindern

Besonders spannend wird dieses Thema während des Wachstums.

Systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen finden bei mundatmenden Kindern häufiger bestimmte dentofaziale Merkmale. Eine aktuelle Meta-Analyse beschreibt unter anderem geringere obere Intercanin- und Intermolarenbreiten, einen tieferen posterioren Gaumen sowie eine höhere Häufigkeit posteriorer Kreuzbisse.

Andere Untersuchungen berichten ebenfalls Unterschiede bei skelettalen und dentalen Parametern zwischen Kindern mit überwiegender Mund- und Nasenatmung.

Das bedeutet aber nicht:

Mundatmung = schmaler Oberkiefer.

Und genauso wenig:

Schmaler Oberkiefer = Mundatmung.

Kraniofaziales Wachstum ist multifaktoriell. Genetik, anatomische Voraussetzungen, Funktion, Atemwegsverhältnisse, Muskelaktivität und weitere Entwicklungsfaktoren greifen ineinander.

Für die Praxis ist deshalb eine andere Frage hilfreicher:

Wenn ich eine bestimmte Kieferentwicklung sehe – habe ich mir auch angesehen, wie dieses Kind atmet?

7 Hinweise auf Mundatmung bei Kindern

Hier beginnt der praktische Teil für die Zahnarztpraxis.

Ein einzelner Punkt beweist keine Mundatmung. Treffen jedoch mehrere Beobachtungen zusammen, kann eine weiterführende Abklärung sinnvoll sein.

1. Offener Mund in Ruhe

Beobachte das Kind zunächst, ohne etwas zu sagen.

Sind die Lippen entspannt geschlossen?

Oder öffnet sich der Mund immer wieder, sobald das Kind nicht spricht?

Gerade die unbeobachtete Ruheposition kann aufschlussreicher sein als die Aufforderung: „Mach bitte den Mund zu.“

2. Fehlender entspannter Lippenschluss

Kann das Kind die Lippen schließen, ohne sichtbar Muskulatur anzuspannen?

Ein möglicher Lippenschluss ist nicht automatisch dasselbe wie ein spontaner, entspannter Lippenschluss in Ruhe.

Dieser Unterschied ist klinisch interessant.

3. Tiefe Zungenruhelage

Frage das Kind:

„Wo liegt Deine Zunge gerade, wenn Du gar nichts mit ihr machst?“

Viele Kinder können erstaunlich gut beschreiben oder zeigen, wo sich ihre Zunge befindet.

Beobachte anschließend Funktion und Beweglichkeit.

4. Schmaler Oberkiefer oder Kreuzbiss

Ein schmaler Oberkiefer oder posteriorer Kreuzbiss beweist keine Mundatmung.

Zusammen mit offener Mundhaltung, auffälliger Zungenposition und entsprechender Anamnese wird der Befund jedoch interessanter. Aktuelle Daten zeigen bei mundatmenden Kindern im Mittel Unterschiede der Zahnbogenbreite und häufiger einen posterioren Kreuzbiss.

5. Auffälliges Schluckmuster

Was macht die Zunge beim Schlucken?

Kommt sie nach vorne? Wird der Mentalis deutlich aktiviert? Arbeiten die Lippen sichtbar mit? Entstehen kompensatorische Bewegungen?

Atmung, Zungenruhelage und Schluckfunktion sollten nicht völlig getrennt voneinander betrachtet werden.

6. Schnarchen und unruhiger Schlaf

Hier lohnt sich die Anamnese.

„Schnarcht Ihr Kind?“

„Schläft es häufig mit offenem Mund?“

„Ist der Schlaf unruhig?“

Mundatmung kann auch im Kontext schlafbezogener Atmungsstörungen auftreten. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit beschreibt Mundatmung als klinisch beobachtbares Merkmal im Zusammenhang mit pädiatrischer obstruktiver Schlafapnoe.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass ein mundatmendes oder schnarchendes Kind automatisch eine Schlafapnoe hat.

Es bedeutet: Wir sollten aufmerksam werden.

7. Auffällige Kopf- und Körperhaltung

Auch die Haltung kann zusätzliche Informationen liefern.

Wie positioniert das Kind Kopf und Hals? Besteht eine deutliche Vorverlagerung des Kopfes? Wie verhält sich die Haltung beim Atmen?

Auch hier gilt: Haltung nicht isoliert diagnostisch interpretieren.

Aber beobachten.

Denn funktionelle Zahnmedizin beginnt für mich häufig genau dort: erst sehen, dann Zusammenhänge prüfen.

Praxis-Goodie: Der 60-Sekunden-Atemcheck

Diesen kleinen Check kannst Du direkt in Deine Kinderuntersuchung integrieren.

M – Mund

Ist der Mund in Ruhe spontan geschlossen?

A – Atmung

Ist eine ruhige Nasenatmung möglich oder wird schnell wieder auf Mundatmung gewechselt?

Z – Zunge

Wo befindet sich die Zunge in Ruhe? Wie ist ihre Beweglichkeit?

S – Schlucken

Zeigen sich beim Speichelschlucken auffällige Zungen-, Lippen- oder Kinnbewegungen?

K – Kiefer

Gibt es einen schmalen Oberkiefer, Kreuzbiss, offenen Biss oder andere Befunde, die zusammen mit der Funktion betrachtet werden sollten?

Merksatz für die Praxis: MAZSK – Mund. Atmung. Zunge. Schlucken. Kiefer.

Das ist keine Diagnose und soll auch keine sein.

Es ist ein Screening für den eigenen Blick.

Und genau darin liegt sein Wert.

Mundatmung bei Kindern: Wann weiter abklären?

Wenn ein Kind nicht frei durch die Nase atmen kann, sollte der erste Gedanke nicht sein:

„Wir müssen die Mundatmung abtrainieren.“

Sondern:

„Warum atmet dieses Kind durch den Mund?“

Mögliche Ursachen und begleitende Faktoren gehören entsprechend fachärztlich abgeklärt. Je nach Befund kann insbesondere eine Zusammenarbeit mit HNO, Kinderheilkunde, Kieferorthopädie, Logopädie beziehungsweise myofunktioneller Therapie und gegebenenfalls Schlafmedizin sinnvoll sein.

Gerade bei Hinweisen wie regelmäßigem Schnarchen, auffälliger nächtlicher Atmung oder anderen Zeichen einer möglichen schlafbezogenen Atmungsstörung sollte die Zahnmedizin nicht versuchen, die medizinische Diagnostik zu ersetzen.

Unsere Aufgabe kann aber eine andere sein:

erkennen – ansprechen – weiterleiten.

Mundatmung, Zunge und Funktion zusammendenken

Vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt.

Die Zunge lässt sich nicht sinnvoll betrachten, ohne über Atmung zu sprechen.

Das Schluckmuster lässt sich nicht vollständig verstehen, wenn wir die Ruheposition ignorieren.

Und Kieferentwicklung lässt sich nicht ausschließlich aus der Perspektive einzelner Zähne betrachten.

Das bedeutet nicht, hinter jeder Zahnfehlstellung ein Atemwegsproblem zu vermuten.

Es bedeutet vielmehr, bei bestimmten Befundkonstellationen eine zusätzliche funktionelle Frage zu stellen.

Und diese Frage kann manchmal entscheidend sein.

Was Zahnärzt:innen bei Mundatmung bewirken können

Wir müssen als Zahnärzt:innen nicht alles selbst behandeln.

Aber wir können sehr viel früher sehen.

Gerade bei Kindern bietet sich dadurch die Chance, funktionelle Auffälligkeiten nicht erst dann wahrzunehmen, wenn sich ausgeprägte dentale oder skelettale Veränderungen entwickelt haben.

Für mich gehört deshalb die Beobachtung von Atmung, Zungenruhelage, Schlucken und orofazialer Funktionselbstverständlich zu einer integrativ-funktionellen zahnmedizinischen Betrachtung.

Nicht, weil jeder Befund behandelt werden muss.

Sondern weil wir erst dann entscheiden können, was relevant ist, wenn wir gelernt haben, es zu erkennen.

Du möchtest diesen Blick in Deiner Praxis vertiefen?

In meiner Ausbildung Integrative Myofunktion, Airway Dentistry & Dentosophie verbinden wir Atmung, Zungenfunktion, Schlucken, Kieferentwicklung und funktionelle Diagnostik mit dem zahnärztlichen Praxisalltag.

Alles Liebe,

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