Myofunktionelle Störungen erkennen

Myofunktionelle Störungen
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Dr. Charlie Neumann

Myofunktionelle Störungen in der Zahnarztpraxis erkennen

Zähne erzählen uns viel. Aber eben nicht alles.

Ein offener Biss, ein schmaler Oberkiefer, rezidivierende Zahnfehlstellungen oder ausgeprägte Schlifffacetten sind zunächst Befunde, die wir Zahnärzt sehr selbstverständlich auf Zähne, Kiefer und Okklusion beziehen.

Doch was passiert eigentlich funktionell rund um diese Strukturen? Welche myofunktionellen Störungen liegen eigentlich vor:

Wie atmet der Patient? Wo liegt seine Zunge, wenn er gerade nichts mit ihr tut? Wie schluckt er? Sind die Lippen in Ruhe geschlossen? Wie arbeitet die periorale Muskulatur? Und was passiert beim Kauen?

Genau hier beginnt die myofunktionelle Betrachtung in der Zahnmedizin.

Sie ersetzt weder die klassische zahnmedizinische noch die kieferorthopädische Diagnostik. Sie erweitert unseren Blick um einen Bereich, der im Praxisalltag erstaunlich viele Informationen liefern kann: Funktion.

Was sind myofunktionelle Störungen?

Unter myofunktionellen Störungen werden veränderte Bewegungs- und Ruhemuster der orofazialen Muskulatur verstanden. Betroffen sein können insbesondere:

  • Zungenruhelage
  • Lippenfunktion und Lippenschluss
  • Atmungsmuster
  • Schluckmuster
  • Kauverhalten
  • Koordination von Zunge, Lippen und Kiefer
  • muskulärer Tonus im orofazialen Bereich

Dabei geht es nicht nur darum, wie sich die Zunge beim Schlucken bewegt.

Gerade die Ruheposition von Zunge, Lippen und Unterkiefer verdient Aufmerksamkeit. Denn Schlucken findet nur für kurze Momente statt. Die Ruheposition begleitet einen Menschen dagegen über viele Stunden des Tages und der Nacht.

Für uns Zahnärzt ergibt sich deshalb eine interessante Frage:

Behandeln wir ausschließlich die Struktur – oder schauen wir auch darauf, unter welchen funktionellen Bedingungen diese Struktur jeden Tag arbeitet?

Warum myofunktionelle Störungen für Zahnärzt relevant sind

Die Mundhöhle ist kein statisches System.

Zähne, Kiefer, Zunge, Lippen, Wangenmuskulatur, Atmung und Schlucken beeinflussen sich gegenseitig. Gleichzeitig wäre es zu einfach, aus einem einzelnen Befund automatisch eine bestimmte Ursache abzuleiten.

Ein schmaler Oberkiefer bedeutet beispielsweise nicht automatisch, dass eine falsche Zungenlage seine Ursache ist. Ebenso wenig beweist ein offener Mund eine chronische Mundatmung.

Aber solche Befunde können Anlass sein, genauer hinzusehen.

Gerade diese Unterscheidung ist für eine moderne funktionelle Diagnostik wichtig: Nicht vorschnell interpretieren – sondern beobachten, Zusammenhänge erkennen und bei Bedarf weiterführend diagnostizieren.

7 Hinweise auf eine mögliche myofunktionelle Störung

Viele funktionelle Auffälligkeiten lassen sich bereits während einer normalen zahnärztlichen Untersuchung beobachten.

 1. Offene Mundhaltung in Ruhe

Beobachte Deinen Patienten einmal, bevor Du ihn aufforderst, den Mund zu öffnen.

Sind die Lippen entspannt geschlossen?

Oder sitzt der Patient bereits mit leicht geöffnetem Mund auf dem Behandlungsstuhl?

Eine dauerhaft offene Mundhaltung kann unterschiedliche Ursachen haben. Sie kann unter anderem mit eingeschränkter Nasenatmung, Gewohnheiten, muskulärer Funktion oder anatomischen Faktoren zusammenhängen.

Sie ist deshalb kein Diagnosenachweis – aber ein wertvoller Hinweis.


2. Auffällige Zungenruhelage

Wo befindet sich die Zunge, wenn sie gerade nicht spricht, kaut oder schluckt?

Eine nach anterior oder interdental orientierte Zungenruhelage gehört zu den typischen Befunden, die im Rahmen orofazialer myofunktioneller Störungen beschrieben werden.

In der Zahnarztpraxis lohnt es sich deshalb, nicht ausschließlich die Zungenbeweglichkeit zu beurteilen.

Mindestens genauso interessant ist die Frage:

Wo hält sich die Zunge die meiste Zeit auf?


3. Auffälliges Schluckmuster

Bitte den Patienten, einmal bewusst Speichel zu schlucken.

Was passiert?

Bewegt sich die Zunge sichtbar nach vorne? Entsteht eine deutliche Aktivität der Lippen- oder Kinnmuskulatur? Wird der Kopf zur Unterstützung bewegt? Kommt es zu einem interdentalen Zungenkontakt?

Ein solches Muster muss differenziert betrachtet werden. Insbesondere bei Kindern spielen Alter und Entwicklungsstand eine wichtige Rolle.

Trotzdem kann ein auffälliges Schluckmuster ein guter Anlass für eine weiterführende myofunktionelle Diagnostik sein.


4. Hinweise auf Mundatmung

Mundatmung gehört zu den Befunden, bei denen Zahnmedizin und Medizin besonders eng zusammenarbeiten sollten.

Hinweise können beispielsweise sein:

  • häufig geöffneter Mund
  • trockene Lippen
  • subjektiv erschwerte Nasenatmung
  • Schnarchen
  • unruhiger Schlaf
  • habituelle Mundatmung
  • auffällige Kopfhaltung

Entscheidend ist: Eine eingeschränkte Nasenatmung sollte nicht einfach „wegtrainiert“ werden.

Besteht der Verdacht auf eine relevante Obstruktion oder andere medizinische Ursache, gehört die Abklärung beispielsweise in die Hände der HNO-Medizin beziehungsweise weiterer entsprechender Fachdisziplinen.


5. Zahn- und Kieferbefunde, die funktionelle Fragen aufwerfen

Bestimmte dentale und skelettale Befunde können Anlass geben, zusätzlich die Funktion zu untersuchen.

Dazu gehören beispielsweise:

  • anteriorer oder posteriorer offener Biss
  • Kreuzbiss
  • ausgeprägter Overjet
  • schmale Zahnbögen
  • Rezidive nach kieferorthopädischer Behandlung
  • ausgeprägte Zahnfehlstellungen in Verbindung mit funktionellen Auffälligkeiten

Wichtig bleibt auch hier die Richtung der Interpretation.

Ein Zusammenhang bedeutet nicht automatisch Ursache und Wirkung. Gerade bei Wachstum, Malokklusion und orofazialer Funktion wirken häufig mehrere Faktoren zusammen.


6. Eingeschränkte Zungenbeweglichkeit

Kann die Zunge den Gaumen problemlos erreichen?

Wie sehen Elevation, Protrusion und Laterotrusion aus?

Und – noch wichtiger – kann der Patient die Bewegung ausführen, ohne sie durch Unterkiefer-, Kopf- oder Lippenbewegungen zu kompensieren?

Auch ein auffälliges Zungenbändchen sollte niemals allein aufgrund seines Aussehens beurteilt werden. Entscheidend ist die Funktion.

Struktur und Funktion gehören zusammen.


7. Auffälliges Kauverhalten

Auch Kauen ist Teil der myofunktionellen Betrachtung.

Kaut der Patient überwiegend auf einer Seite? Wird Nahrung ausreichend zerkleinert? Wie arbeiten Zunge, Wange und Unterkiefer zusammen?

Gerade bei Kindern lohnt es sich außerdem, nach Ernährungs- und Kauentwicklung zu fragen.

Denn Funktion lässt sich nicht vollständig beurteilen, wenn wir nur den Moment betrachten, in dem der Patient die Zähne zusammenbeißt.

Das 60-Sekunden-Funktionsscreening für die Zahnarztpraxis

Für eine erste Orientierung braucht es nicht immer sofort eine umfangreiche Funktionsdiagnostik.

Schon eine Minute kann helfen, den eigenen Blick zu schärfen.

1. Atmung beobachten

Mund geschlossen oder geöffnet?

Ist ruhige Nasenatmung möglich?

Gibt der Patient Beschwerden bei der Nasenatmung an?

2. Zungenruhelage erfragen

Bitte den Patienten zunächst nichts zu verändern:

„Wo liegt Deine Zunge gerade?“

Diese einfache Frage ist häufig erstaunlich aufschlussreich.

3. Schlucken beobachten

Einmal Speichel schlucken lassen.

Achte auf Zunge, Lippen, Mentalis und mögliche kompensatorische Bewegungen.

4. Zungenbeweglichkeit prüfen

Zungenspitze nach oben, vorne und zu beiden Seiten bewegen lassen.

Dabei nicht nur darauf achten, ob die Bewegung möglich ist, sondern wie sie ausgeführt wird.

5. Struktur und Funktion zusammenbringen

Zum Schluss folgt die entscheidende Frage:

Passt das, was ich funktionell beobachte, zu dem, was ich dental und skelettal sehe?

Dieser letzte Schritt verändert häufig den Blick auf einen Patienten.

Wann ist eine weiterführende Diagnostik sinnvoll?

Ein Screening stellt keine Diagnose.

Es hilft vielmehr zu entscheiden, bei welchen Patient ein genauerer Blick sinnvoll sein könnte.

Bestehen mehrere Auffälligkeiten gleichzeitig – beispielsweise offene Mundhaltung, auffällige Zungenruhelage, verändertes Schluckmuster und entsprechende dentale Befunde – kann eine strukturierte myofunktionelle und funktionelle Diagnostik sinnvoll sein.

Je nach Befund können unterschiedliche Fachdisziplinen einbezogen werden, beispielsweise:

Zahnmedizin und Kieferorthopädie, Logopädie beziehungsweise myofunktionelle Therapie, HNO-Medizin, Schlafmedizin sowie weitere therapeutische Fachbereiche.

Gerade diese Zusammenarbeit ist für mich ein wesentlicher Bestandteil integrativer Zahnmedizin.

Nicht entweder Struktur oder Funktion

Vielleicht liegt genau hier einer der häufigsten Denkfehler.

Wir müssen uns nicht entscheiden zwischen klassischer Zahnmedizin und funktioneller Zahnmedizin.

Wir brauchen beides.

Natürlich müssen wir Okklusion beurteilen. Natürlich brauchen wir Röntgendiagnostik, parodontale Befunde, Kieferorthopädie und eine präzise zahnmedizinische Untersuchung.

Aber wir dürfen zusätzlich fragen:

Wie benutzt dieser Mensch eigentlich sein orofaziales System?

Denn am Ende behandeln wir keine isolierten Zahnreihen.

Wir behandeln Menschen, bei denen Struktur und Funktion jeden Tag miteinander interagieren.

Myofunktionelle Diagnostik & Dentosophie in die Zahnarztpraxis integrieren

Das Schöne daran: Man muss den Praxisalltag dafür nicht komplett neu erfinden.

Hier kommt die myofunktionelle Therapie und Dentosophie ins Spiel.

Der erste Schritt besteht darin, anders hinzusehen.

Wenn Atmung, Zungenruhelage, Schlucken, Kauen und orofaziale Muskulatur selbstverständlich Teil der Beobachtung werden, verändert sich die Wahrnehmung vieler Befunde.

Plötzlich wird aus einem offenen Biss nicht nur ein kieferorthopädischer Befund.

Aus einem Rezidiv wird eine funktionelle Frage.

Aus einer offenen Mundhaltung wird der Anlass, die Atmung genauer anzusehen.

Und genau an dieser Stelle wird Zahnmedizin für mich besonders spannend.

Funktion verstehen statt nur Symptome behandeln

In meiner Ausbildung 

Integrative Myofunktion, Airway Dentistry & Dentosophie 

geht es deshalb nicht darum, klassische Zahnmedizin durch ein alternatives Konzept zu ersetzen.

Es geht darum, den diagnostischen Blick zu erweitern.

Wir verbinden zahnmedizinische Befunde mit Atmung, Zungenfunktion, Schlucken, Kauen, orofazialer Muskulatur und weiteren funktionellen Zusammenhängen – und erarbeiten, wie sich diese Perspektive strukturiert in den Praxisalltag integrieren lässt.

Denn je mehr wir über Funktion verstehen, desto mehr sehen wir häufig auch in Befunden, die wir vorher ausschließlich strukturell betrachtet haben.

Zähne sind ein Teil des Systems. Funktion verbindet.

Du möchtest diese Zusammenhänge nicht nur erkennen, sondern sicher in Deine tägliche Praxis integrieren? Dann vertiefe Dein Wissen in meiner Ausbildung Integrative Myofunktion, Airway Dentistry & Dentosophie.

Alles Liebe,

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